Ein besonderes Geschenk - Wir haben unser eigenes Märchen!
04.02.2025
04.02.2025
Viele Menschen sind in besonderer Weise mit unserem Haus verbunden und nehmen auf vielfältige Weise Anteil an den Veränderungen, die unser Haus betreffen.
Eine besonders rührende Geste erreichete uns kurz vor Weihnachten von Frau Ableidinger.
Sie schenkte uns ein wünderschönes Märchen, das sie eigens für uns geschrieben hatte. Diese Geschichte wurde von Frau Direktorin Kirchweger bei unserer Adventfeier vorgelesen. Die Wichtelgeschichte berührte uns alle und spiegelt in vielerlei Hinsicht unsere aktuelle Situation wider. Kaum ein Auge blieb bei dieser Lesung trocken.
Frau Ableidinger hat uns freundlicherweise die Erlaubnis gegeben, dieses besondere Märchen zu veröffentlichen, damit auch alle Freunde unseres Hauses in den Genuss diesere berüherenden Geschichte kommen können.
Wir bedanken uns an dieser Stelle ganz herzlich bei Frau Ableidinger für dieses wertvolle Geschenk und die tiefe Verbundenheit, die sie uns damit zeigt.
Brigitte Ableidinger: „Wie die Waldwichtel ein neues Zuhause fanden“
Niemand konnte mehr sagen, wie lange die Wichtel schon in dem Wäldchen mit den schönen Birken, Eichen und Buchen wohnten. Auch die Wichtel selbst wussten es nicht, aber es musste schon sehr lange sein, denn sie waren überall nur als die „Waldwichtel“ bekannt. Die Waldwichtel waren freundliche kleine Leute: hilfsbereit und fleißig, aber nicht so fleißig, dass sie darüber ein gutes Essen oder eine schöne Feier vergessen hätten. Im Gegenteil, sie feierten für ihr Leben gern und fanden immer eine Gelegenheit für ein Fest. Am allerliebsten feierten sie Weihnachten! War das ein Backen und Schmücken schon Wochen vor dem Fest und war Weihnachten erst einmal da, da sangen die Wichtel die schönsten Lieder, mit lauter Stimme und begleitet von Flöten und Trompeten. Die Musik klang bis zu den Menschen in den nahegelegenen Dörfern und Städten. Da aber viele von ihnen schon die Hilfe der Waldwichtel erfahren hatten, gönnten sie ihnen diese Feste von Herzen, auch wenn manchmal der Gesang die ganze Nacht zu hören war.
In diesem Jahr allerdings waren die Wichtel bedrückt und traurig und konnten sich gar nicht aufraffen, ihre kleine Häuser weihnachtlich zu schmücken, und das lag an den Zwergen, die über dem Hügel wohnten und für ihren Fleiß berühmt waren. Sie waren so fleißig, dass sie keine Zeit zum Feiern hatten und auch zu Weihnachten kaum eine Rast einlegten.
Seit Jahrhunderten betrieben die Zwerge Bergbau, gruben Stollen und Gänge und brachten wertvolle Bodenschätze nach oben: Silber, Gold und Edelsteine. Jedes Jahr trieben sie die Stollen tiefer in den Berg, um noch mehr Schätze zu fördern. In diesem Jahr waren die Auswirkungen dieser Arbeit bis zu dem Dorf der Wichtel zu spüren. Durch die immer tiefer und weiter hinein in den Berg erfolgenden Bohrungen breiteten sich Schwingungen und Erdstöße aus, die in den Häusern der Wichtel die Bilder von den Wänden fallen ließen und das Geschirr in den Schränken zum Klappern brachten. Was würde da erst mit den Weihnachtskugeln auf dem Christbaum passieren?
Als eines Tages eine Laterne von der Wand fiel und ein kleines Wichtelmädchen nur um Haaresbreite verfehlte, war es dem Wichtel Wendelin zu viel. „Schluss jetzt!“, rief er empört, „es reicht! Wenn das so weitergeht, sind wir unseres Lebens nicht mehr sicher. Ich gehe jetzt hinüber und rede mit dem Zwerg Zinnober, dass das so nicht mehr weitergeht!“ „Oh Wendelin!“, rief seine Frau Wallis, „Sei nur vorsichtig, mit dem Zinnober ist nicht zu spaßen!“. „Keine Sorge!“, antwortete Wendelin, „ich nehme Willibald mit. Der ist von uns allen der klügste und stärkste Wichtel. Gemeinsam werden wir den Zinnober schon überzeugen!“.
Und so geschah es: Wendelin und Willibald machten sich auf den Weg, und zurück blieben die anderen Wichtel, ängstlich besorgt, wie es mit ihnen weitergehen sollte.
Wendelins Frau Wallis wollte nicht untätig zu Hause sitzen und so sagte sie zu ihrer Freundin Waltraud. „Die Warterei macht mich ganz kribbelig, lass uns lieber ein bisschen spazieren gehen und Tannenreisig suchen, schließlich ist ja bald Weihnachten und das lassen wir uns von den Zwergen nicht nehmen!.“ Waltraud war gleich dabei und so gingen die beiden Freundinnen los.
Wallis und Waltraud gingen jedes Jahr zu einer besonderen Stelle, wo die schönsten Tannen standen, aber dieses Jahr schien ihnen der Weg besonders lang. „Ich glaub, wir haben uns verlaufen.“, sagte Waltraud, und Wallis nickte. Was tun, weitergehen und hoffen, dass sie sich bald wieder zurechtfinden würden?
Da hörten sie plötzlich ein Geräusch, ein Klagen und Seufzen. War es ein Tier, das sich verletzt hatte? Da, auf einmal ganz deutlich „Hilfe, hört mich denn niemand, Hilfe!“ Ein Mensch war es, der da so rief, ein Mensch, der Angst hatte, vielleicht auch Schmerzen. Eilig liefen Wallis und Waltraud in die Richtung, aus der der Hilferuf kam. Da sahen sie auch schon eine alte Dame, mit schlohweißem Haar, mit einem großen Korb bepackt, auf dem Boden liegen. Wallis und Waltraud riefen, „Keine Angst, wir kommen schon!“ und halfen ihr vorsichtig auf. Wallis, die sehr geschickt in der Krankenpflege war, tastete vorsichtig Arme und Beine ab. Welch ein Glück, nichts war gebrochen. Gemeinsam halfen sie der armen Gestürzten auf.
„Ihr Lieben, wie gut, dass ihr gekommen seid. Ich weiß nicht, wie ich hätte alleine aufstehen können. Mir ist noch ganz schwach und schwummerig. Wie komme ich denn jetzt nach Hause? Und mein schönes Tannenreisig, das habe ich alles ausgestreut.“. „Keine Sorge“, sagte Wallis, „wir bringen dich nach Hause, dich und dein Tannenreisig.“ Rasch und geschickt sammelten Wallis und Waltraud die verstreuten Tannenzweige ein und gaben sie in den Korb. Waltraud nahm den Korb und Wallis stützte die alte Dame. Es war nur ein langsames Fortkommen, aber schließlich kamen sie zu einer Lichtung, auf der ein schönes Bauernhaus mit Ställen und Scheunen stand. Behutsam führten sie ihren Schützling in die geräumige Küche des Hauses, wo sich die Alte erschöpft auf eine Bank fallen ließ. „Ihr habt mich wirklich gerettet, wie kann ich euch nur danken!“
„Das haben wir doch gern getan“, sagten die beiden Wichteldamen, „aber vielleicht sollten wir jemanden rufen, der sich um dich kümmert.“ „Ach, das würde nichts helfen, ich bin doch schon so lange allein hier. Zuerst ist mein lieber Mann gestorben, dann habe ich hier mit meinen Schwestern gelebt, die sind auch schon tot. Kinder habe ich leider nie gehabt, so bin ich jetzt ganz allein, und ich weiß nicht, wie lange ich die Arbeit noch bewältigen kann.“ „Das ist ja fürchterlich!“, rief Wallis, „da muss man doch etwas tun!“
Die Alte seufzte nur und schüttelte den Kopf, und auch Waltraud blickte ratlos. Wallis runzelte die Stirn, konnten vielleicht die Wichtel hier helfen?
Sie waren zwar klein, aber tüchtig und immer bereit zu helfen. „Ihr habt schon genug getan, und dabei weiß ich nicht einmal, wie ihr heißt und wie ihr hierhergekommen seid.“, sagte die Alte, „Ich heiße übrigens Babette.“
„Ach Babette!“, sagte Wallis, „wir sind Wallis und Waltraud und wir waren auf der Suche nach Tannenreisig für Weihnachten. Obwohl wir dieses Jahr wohl kein frohes Fest haben werden.“
Und da Babette immer wieder nachfragte und so freundlich dabei dreinsah, erzählten ihr Wallis und Waltraud von den Zwergen und wie ihre Gier nach immer mehr Gold und Edelsteinen die Siedlung der Wichtel in Gefahr brachte. Babette hörte den beiden
Wichteldamen aufmerksam zu und dabei kam ihr ein Gedanke. Vielleicht gab es eine Lösung für Babette und für die Wichtel?
Wallis und Waltraud trauten ihren Ohren nicht, als ihnen Babette ihren Vorschlag unterbreitete, aber schließlich nickten sie beide. Das könnte eine Lösung sein, jetzt mussten sie nur die anderen Wichtel überzeugen; und so brachen sie auf, nachdem ihnen Babette noch genau den Weg, der sie sicher zurückführen würde, beschrieben hatte.
Als sie ankamen, fanden sie alle Wichtel in heller Aufregung. Wendelin und Willibald hatten nichts bei den Zwergen ausgerichtet. Zinnober hatte sie zwar empfangen, ihnen aber klar gemacht, dass die Arbeiten weitergehen würden und ihm egal war, was aus den Wichteln werden würde. Und überhaupt, Weihnachten, er und die anderen Zwerge würden dieses Jahr durcharbeiten, da brauchten die Wichtel nicht zu jammern. Alle riefen und schrien durcheinander, die Wichtelkinder weinten, und manche Wichtel ballten zornig die Fäuste.
Da ergriff Wallis das Wort und erzählte ihnen von der alten Babette, die einsam auf dem riesigen Bauernhof lebte und die Arbeit nicht mehr allein bewältigen konnte. Sie erzählte von ihrer Freundlichkeit und von dem vielen Platz, den es dort gab; so viel Platz, dass alle Wichtel dort wohnen konnten.
Ein bisschen Überredung brauchte Wallis schon, doch dann war es eines Tages soweit: Die Wichtel packten ihre Sachen zusammen und luden alles auf ihre Wichtelwagen und zogen los, traurig, aber auch voll Hoffnung. Als sie an die Grenze ihres Waldes kamen, rief Wendelin „Halt!“. Der ganze Zug kam zum Stehen, alle drehten sich noch einmal um, jetzt hieß es Abschied nehmen. Voll Wehmut sahen sie noch einmal zurück und so mancher hatte Tränen in den Augen. Wallis und Wendelin hielten sich an den Händen, auch sie waren traurig, und Wallis‘ Gesicht war nass von Tränen, doch sie drückte Wendelin die Hand und flüsterte „Wir schaffen das, ein Neuanfang, für uns und für Babette.“
Aber halt, waren Wallis und Waltraud nicht losgegangen, um Tannenreisig zu suchen? Ja, das Tannenreisig, das in Babettes Korb gewesen war, das lagerte in einem Schuppen, und es kam noch mehr dazu, genug für Babette und für alle Wohnungen der Wichtel.
War das ein Hämmern und Sägen, Bohren und Schreinern in den ersten Tagen nach dem Einzug der Wichtel auf Babettes Hof! Die Wichtel waren tüchtige Handwerker und so sah bald alles ordentlich und wohnlich aus und alle hatten eine heimelige und gemütliche Wohnung.
Und als Weihnachten kam, da gab es nicht nur in jeder Wichtelwohnung Tannenreisig, da gab es mitten im Hof einen wunderschönen Weihnachtsbaum und die Wichtel feierten mit Babette, die nun nicht mehr einsam war und die mit ein wenig Mitleid an die Zwerge dachte, die auch an diesem wunderbaren Tag nur mit ihrer Arbeit beschäftigt waren. Hier aber auf dem Hof gab es Singen und Lachen, Gläserklang und Geschichten; Einsamkeit und Traurigkeit waren verflogen, und als es dunkel wurde, fiel sogar ein ganz klein bisschen Schnee, wie es sich Babette und die Wichtel gewünscht hatten.